Ist das Bobath-Konzept physiotherapeutisch noch zeitgemäß?

Das Bobath-Konzept wurde zwischen 1940 und 1950 von den Physiotherapeutin Berta Bobath und dem Kinderarzt Karel Bobath entwickelt. Jenes Konzept basiert auf neurophysiologischen und entwicklungsneurologischen Grundlagen und orientiert sich somit an den Ressourcen des Patienten.

Die Bobath-Therapie basiert damit auf den Grundsätzen der Erleichterung automatischer und willentlicher Bewegungen durch spezifische Techniken, von denen man annimmt, dass sie die Genesung optimieren. Obwohl sich der Ansatz im Laufe der Zeit weiterentwickelt hat, liegt der Schwerpunkt nach wie vor auf der Rolle des sensorischen Inputs, der durch die Erleichterung der Bewegung durch die Therapeuten manipuliert wird. Vor allem bei Schlaganfällen sowie bei anderen neurologischen Erkrankungen findet das Bobath-Konzept Anwendung.

Studie: Bobath-Konzept vs. Aufgabenspezifisches Training

Trotz ihrer umfangreichen klinischen Anwendung wurde die Wirksamkeit des Bobath-Konzepts zur Verbesserung der Ergebnisse für den betroffenen Arm nach einem Schlaganfall nie nachgewiesen.

Deshalb gehen Dorsch et al. (2022) in ihrem systematischen Review folgenden zwei Fragen nach:

  1. Welchen Effekt hat die Bobath-Therapie auf die Armaktivität im Vergleich zu einer Alternativintervention oder keiner Intervention nach einem Schlaganfall?
  1. Wie wirkt sich die Bobath-Therapie auf die Armkraft aus, verglichen mit einer Alternativintervention oder keiner Intervention nach einem Schlaganfall?

Um die Fragestellung beantworten zu können, wurden 13 Studien in diese Übersichtsarbeit inkludiert. Allesamt verglichen die Effektivität zwischen dem Bobath-Konzept und anderen Interventionen. Daher umfassten die Ergebnisse der Studie, die von Interesse waren, die Armaktivität und die Armkraft nach einem Schlaganfall.

Um die Armaktivität zu messen, wurden für die Studie diverse standardisierte Messungen für die motorische Aktivität der oberen Extremität benutzt.

Das Bobath-Konzept vs. Aufgabenspezifisches Training

Alle in das Review eingeschlossenen Studien verglichen das Bobath-Konzept mit verschiedenen Interventionen. Die Autoren teilten die Interventionen der inkludierten Studien in vier Gruppen ein:

  1. Aufgabenspezifisches Training (5 Studien)

Armbewegungen, die das Erreichen, Greifen und Manipulieren von Gegenständen umfassen. Bei den Gegenständen handelt es sich um alltägliche Utensilien wie Tassen, Kämme oder Lichtschalter

  1. Armbewegungen (5 Studien)

Allgemeine Armbewegungen ohne das Manipulieren von Gegenständen und ohne Verwendung von Alltagsgegenständen. 

  1. Robotik (2 Studien)

Verwendung eines Geräts, das die Bewegung unterstützt und während der Armbewegung eine spielerische Interaktion ermöglicht,.

  1. Mentales Training

Strukturierte motorische Vorstellungen des betroffenen Arms bei Greif- und Manipulationstätigkeiten. 

Methodik

Alle Teilnehmer der Studie erlitten einen Schlaganfall. Dieser lag zum Zeitpunkt der Studie zwischen 14 Tagen und 4,5 Jahren zurück. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer reichte von 49 bis 73 Jahren.

Die durchschnittliche Länge der Bobath-Therapie und den Vergleichstherapien betrug 51 Minuten pro Sitzung (zwischen 20 und 120 Minuten) über im Schnitt 5 Wochen (im Bereich von 2 bis 8 Wochen). 

Ergebnisse Bobath-Konzept vs. Vergleichsinterventionen

Die Bobath-Therapie erwies sich bei der Verbesserung der Armaktivität nach einem Schlaganfall als weniger wirksam im Vergleich zu dem aufgabenspezifischen Training und Robotik. Darüber hinaus wiesen die spezifischen Übungen zur Verbesserung der Armbewegungen nach einem Schlaganfall ähnliche oder bessere Ergebnisse als das Bobath-Konzept auf.

Weiterhin konnte gezeigt werden, dass das Bobath-Konzept bei der Verbesserung der Armkraft nach einem Schlaganfall, weniger wirksam als das aufgabenspezifische Training zu sein scheint.

Für Rehabilitationsmaßnahmen nach einem Schlaganfall gibt es eine Vielzahl von evidenzbasierten Leitlinien. Solche Leitlinien für die Schlaganfallrehabilitation empfehlen durchgängig ein intensives aufgabenspezifisches Training, wobei keine klinische Leitlinie die Bobath-Konzept empfiehlt.

Bisherige systematische Übersichten zur Rehabilitation der Armaktivität nach einem Schlaganfall kommen daher im Allgemeinen zu dem Schluss, dass andere Maßnahmen wirksamer sind als die Bobath-Therapie.

Zusammenfassung

Die Ergebnisse dieser umfassenden Übersichtsarbeit von Dorsch et al. (2022) in Kombination mit den Schlussfolgerungen früherer Übersichtsarbeiten bestätigen, dass ein aufgabenspezifisches Training im Vergleich zur Bobath-Therapie zu besseren Armresultaten bei Schlaganfallpatienten führen.

Hier gibt es den Originalartikel als Volltext.

Doch was bedeutet das für die Praxis? Kann das System von Zertifikatspositionen, welche wissenschaftlich nachgewiesen nicht (mehr) der Goldstandard in der Therapie von bestimmten Pathologien ist überhaupt noch aufrecht gehalten werden?

In einem patientenorientierten Therapieumfeld sollte die Effektivität der Behandlung stets im Vordergrund stehen. Dies könnte unter Anderem ein Grund für die aktuell stattfindenden Gespräche über die Abschaffung der Fortbildungen sein.

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