Mechanische versus neurophysiologische Wirkungen von Dynamic Tape

Dynamic Tape Biomechanics

Dynamic Tape ist noch vergleichsweise neu auf dem Sport‑ und Therapie‑Parkett. Erst 2010 hat der australische Physiotherapeut Ryan Kendrick mit seinem Team das entwickelt, was bis dahin „Biomechanical Tape®“ hieß und aus dem später Dynamic Tape wurde. Die Idee dahinter: Auf einer biomechanisches Wirkbasis mehr leisten als klassische Sport‑ oder Kinesiotapes. Bei den Olympischen Spielen 2012 fiel dann auf, wie viele Athletinnen und Athleten diese auffällig dehnbaren Tapes nutzten, um gezielt Kräfte abzufangen und Bewegungen zu beeinflussen. Inzwischen hat sich Dynamic Tape weltweit verbreitet und grenzt sich vor allem durch seine mechanische Wirkung klar von herkömmlichen Tapes ab.

Was ist anders im Vergleich zu Kinesiotape?

Kinesiotape besteht meist aus Baumwolle, dehnt sich vor allem längs und wirkt eher über neurophysiologische Mechanismen, also etwa über Haut‑ und Sinneszellen, Lymphfluss oder Schmerzempfindung. Dynamic Tape dagegen ist ein synthetisches Material aus Nylon und Lycra, das sich in alle Richtungen weit dehnen lässt.

  • Material & Dehnbarkeit: Dynamic Tape kann sich in vier Richtungen ausdehnen und mehr als das Doppelte seiner Länge erreichen. Man legt es in einer verkürzten Position an, was diesen „Bungee‑Band“-Effekt schafft. Kinesiotapes dagegen haben eher eine begrenzte Elastizität und feste Endpunkte.

  • Rückstellkraft & Widerstand: Hier ist Dynamic Tape ganz anders: Es wirkt wie ein äußeres Muskelband, mit deutlich mehr Rückstellkraft und Widerstand. Prinzipiell wie ein Gummiseil, das sich zurückziehen will. Kinesiotape übt eher eine sanfte Hebefunktion auf die Haut aus.

  • Mechanik statt nur Gefühl: Dynamic Tape greift direkt in die Biomechanik ein – es verzögert Bewegungen, nimmt Lasten auf und gibt elastische Energie wieder frei. Kinesiotape hingegen setzt eher auf sensorische Effekte über die Haut.

  • Volle Beweglichkeit bleibt erhalten: Weil es keinen harten Endpunkt im Dehnwiderstand gibt, bleibt die Freiheit der Bewegung mit Dynamic Tape erhalten. Gleichzeitig kann es Belastungen steuern.

Deshalb wird Dynamic Tape oft als eine Art „externer Muskel“ gesehen: Es soll mechanisch entlasten oder unterstützen. Kinesiotape wird dagegen eher genutzt, um über die Haut Wahrnehmung, Schmerz oder Muskeltonus zu beeinflussen, also neurophysiologisch zu wirken.

Innenband Knie tapen

Mechanische Wirkungen – das „Bungee‑Tape“ im Alltag

Man kann sich Dynamic Tape fast wie eine externe Feder vorstellen. Seine Wirkung entsteht durch die hohe elastische Rückstellkraft und die Fähigkeit, Bewegungen über einen langen Dehnungsbereich zu begleiten. Das lässt sich grob auf drei Ebenen beschreiben:

  1. Lastaufnahme & Entlastung:

    Gerade bei exzentrischen Bewegungen, beispielsweise wenn du beim Laufen abbremst oder den Arm stoppst, nimmt das Tape mechanische Energie auf. Sobald die Bewegung sich umkehrt, gibt es diese Energie wie bei einem Bungee‑Seil wieder zurück und unterstützt so die dazugehörige Muskulatur. Viele Sportler berichten, dass dies Schmerzen reduziert und Strukturen entlastet.

  2. Bewegungssteuerung:

    Wird das Tape gezielt angelegt, kann es Einfluss auf das Bewegungsmuster ausüben. Eine spiralförmige Anlage am Oberarm kann zum Beispiel übermäßige Innenrotation beim Werfen verringern. Studien deuten zudem darauf hin, dass Dynamic Tape Bewegungen, wie bspw. Hüft‑Adduktion oder interne Rotation beim Gehen beeinflusst. Auch am Knie kann es helfen die Landekontrolle zu verbessern und den Valguswinkel zu reduzieren.

  3. Energieumverteilung:

    Als Unterstützung von außen kann das Tape die Arbeit erschöpfter Muskulatur verringern und so die biomechanische Effizienz verbessern. Viele Athletinnen und Athleten merken, dass sie weniger schnell ermüden und sich „leichter“ bewegen – ein Effekt, der in Studien zu Sprunglandungen oder Schulterbewegungen thematisiert wird.

Neurophysiologische Wirkungen – doch nur ein Nebeneffekt?

Auch wenn Dynamic Tape primär für seine mechanische Wirkung bekannt ist, spielen neurophysiologische Effekte eine Rolle, wenn auch eher begleitend. Durch die große Haftfläche und den engen Kontakt zur Haut werden Rezeptoren stimuliert, was in Kombination mit der Lastreduktion zu einer schnellen Schmerzlinderung oder einem geringeren metabolischen Aufwand beitragen kann.

Mechanische und neurophysiologische Effekte schließen sich hier also nicht aus, sondern ergänzen sich.

Im Gegensatz dazu wird Kinesiotape fast ausschließlich dafür eingesetzt, über die Haut Sinneszellen anzuregen und dadurch etwa Schmerz, Muskeltonus oder den Lymphfluss zu beeinflussen. Bei Dynamic Tape steht jedoch eindeutig die mechanische Komponente im Vordergrund; der neurophysiologische Effekt ist ein positiver „Nebenverdienst“.

Was sagt die Wissenschaft?

Die Forschung zu Dynamic Tape nimmt mit jedem Jahr weiter zu In einer randomisierten Crossover‑Studie mit Baseballspielern wurde Dynamic Tape mit einem standard‑elastischen Tape am Schultergelenk verglichen. Ergebnis: Dynamic Tape wirkt überwiegend mechanisch, es verzögert Bewegungen, nimmt Lasten auf und unterstützt die Bewegung. Die Verfasser der Studie beobachteten eine signifikante Reduktion des internen Rotationsmoments sowie weniger Schulterermüdung, allerdings keine signifikante Verbesserung der Wurfgeschwindigkeit.

Andere Studien zeigen, dass Dynamic Tape die Hüftbewegung und Landekontrolle bei Sprüngen verbessern kann und bei Beschwerden wie dem Greater‑Trochanter‑Pain‑Syndrom oder Plantarfasziitis Schmerzen verringert. Dynamic Tape verändert also Biomechanik und Belastungsübertragung und führt häufig zu schmerzärmeren Bewegungen.

Praktische Anwendung – ein paar Tipps

Weil Dynamic Tape höhere Kräfte übertragen kann als andere Tapes, sollte es am besten von geschulten Therapeutinnen und Therapeuten angebracht werden. Damit der „Bungee‑Effekt“ richtig greift, ist es wichtig, das Tape über mehrere Gelenke hinweg in einer verkürzten Position anzulegen. Untertapes, wie sie oft bei Kinesiotape genutzt werden, eignen sich hier weniger, weil sie die Rückstellkraft mindern. Zudem sollte die Haut sauber und trocken sein, damit das Tape gut haftet.

Dynamic Tape eignet sich besonders bei Überlastungssyndromen, beispielsweise bei Patellaspitzensyndrom, Achillessehnenproblemen oder Plantarfasziitis. Aber auch bei Schulterinstabilität oder technischen Fehlern wie zu starker Innenrotation beim Wurf. Anders als bei Kinesiotape bleibt die Beweglichkeit erhalten, während Lasten gezielt umverteilt werden, was im Training und Wettkampf durchaus einen Unterschied machen kann.

Fazit

Dynamic Tape ist weit mehr als nur eine bunte Alternative zum klassischen Kinesiotape. Seine besondere Materialzusammensetzung, die vierdimensionale Elastizität und die hohe Rückstellkraft sorgen für eine vorwiegend mechanische Wirkung: Lastaufnahme, Bewegungsunterstützung und Anpassung des Bewegungsablaufs. Zwar sind auch neurophysiologische Effekte vorhanden, etwa über die Hautstimulation, doch sie stehen nicht im Zentrum. Aktuelle Studien bestätigen, dass die mechanische Unterstützung messbar entlastet und in vielen Fällen die Leistungsfähigkeit verbessert. Für Sportlerinnen und Sportler sowie Therapeutinnen und Therapeuten ist Dynamic Tape daher ein wertvolles Werkzeug, um überlastete Strukturen zu entlasten, Bewegungen gezielt zu steuern und Reha‑Prozesse zu unterstützen.

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